Fakultät für Architektur und Bauingenieurwesen

Bürohaus der späten Nachkriegsmoderne

Bürohaus der späten Nachkriegsmoderne

Mit diesem Studio widmeten wir uns der Entwicklung einer Umbaukultur für einen ungeliebten und meist zum Abriss frei gegebenen Gebäudetypus: das Bürohaus der späten Nachkriegsmoderne.

Wo das Bürohaus des Wiederaufbaus der späten 40er und 50er Jahre mit seinen Rasterfassaden als weitestgehend abgeschlossene Epoche, mit aufgearbeiteten und inzwischen wohlgeschätzten Qualitäten, gehandelt wird, fallen die Vertreter späterer Entstehungsjahre im öffentlichen Diskurs meist in Ungnade. Die architektonischen und damit (im Sinne einer Umbau- und Umnutzungskultur) verbundenen konservatorischen Herausforderungen scheinen unüberbrückbar: Bauschäden die sich aus damals üblichen Konstruktionen und der Materialität ergeben, gestiegene klimatische und technische Anforderungen, fehlende räumliche Anpassungsfähigkeit für sich wandelnde Arbeitswelten und Lebenskonzepte. Und nicht zuletzt fehlt die Vorstellungskraft für eine zeitgenössische architektonische Ästhetik. 

Nicht grundlos liegt also für eine wohlwollende Beziehung zu den Bauten der 60er, 70er und frühen 80er Jahre noch ein Weg der Aufarbeitung vor uns. Auch die Architektur der 50er Jahre musste lange auf ihre Wertschätzung warten. Nachdem 1948 durch die Währungsreform die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen für den Wiederaufbau geschaffen wurden, stieg bis Mitte der 50er Jahre das Wirtschaftswachstum stetig an, was sich nicht nur in einer erhöhten Bautätigkeit widerspiegelte sondern auch die architektonische Bescheidenheit über Bord warf. 

Heute werden eben diese Gebäude der frühen Nachkriegsmoderne mit ihren Rasterfassaden, Glasbausteinen, Keramikverzierungen, ausladenden Flugdächern und filigranen Stahlgeländern als gemeinhin elegant konnotiert.Die 50er Jahre enden mit der Annäherung an eine Vollbeschäftigungsgrenze und läuten durch erneute Strukturwandlungen der Wirtschaft eine neue Phase in der gesellschaftlichen Entwicklung ein. Schlagwörter wie ‚Urbanität‘ und ‚Gesellschaft durch Dichte‘ spiegeln den aufkommenden Kollektivgedanken der rationalisierten Architekturkonzepte in den 60er Jahren wider. An den Bürohäusern breitet sich die Vorhangfassade in dieser Zeit aus und löst die Rasterfassaden, und damit häufig die Zellenstruktur, als vorrangig genutzte Konstruktionsweise ab. Gleichzeitig formierte sich Widerstand gegen die Uniformität und den Universalismus der funktionalen Architektur: der architektonische Strukturalismus bringt den Fokus der Identität und des Individualismus wieder in eine Strömung ein, die sich zu dieser Zeit besonders ausgeprägt in den Niederlanden bewegt.

 Gebaute Beispiele dieser Zeit von Architekten wie Aldo van Eyck, John Habraken oder Herman Hertzberger verdeutlichen eine Abkehr der zweckorientierten Betrachtungsweise. So errichtete Hertzberger gegen Ende der 60er Jahre mit dem Bürogebäude für die die Versicherung „Central Beheer“ Arbeitsräume die gar eine soziale Individualisierung ermöglichen. Kuben, die als Büros dienen fügen sich vertikal und horizontal zu einem (kollektiven) Ganzen durchzogen von sich addierenden Freiräumen. Brücken und Laufstege verbinden die Bürozellen zu einem formal differenziertem Gefüge.Anders sieht der gebaute Alltag in deutschen Städten zu dieser Zeit banaler aus. Neben großmaßstäblichen Konzernzentralen und Verwaltungsgebäuden halten kontinuierlich kleinere Bürohäuser Einzug in die Blockstrukturen der Städte. Großraumbüros lösen die Zellenstruktur immer häufiger ab, was zu mehrbündigen Grundrissorganisationen und massiveren Gebäudetiefen führt. 

In den 70er Jahren entstehen erste Bürostädte wie der Seestern in Düsseldorf oder die Bürostadt Niederrad (heute Lyoner Quartier) gefolgt von Businessparks an infrastrukturell günstigen Lagen.Lassen wir heute den Blick durch (westdeutsche) Städte schweifen, begegnen wir einem extrem hohen Vorkommen an Bürohäusern aus der Zeit der späten Nachkriegsmoderne bis hin zur frühen postmodernen Architekturphase. Fiele der Abriss solcher Typologien als Option weg, sehen wir uns einem extrem großen Bestand im innerstädtischen Gefüge sowie suburbaner Konglomerate gegenüber. Und damit großer Umnutzungspotentiale. 

Durch einen weiteren Strukturwandel, den der Digitalisierung, werden Büroflächen zukünftig häufiger von Leerstand betroffen sein. Wandelnde Arbeitswelten stellen neue Anforderungen an architektonische Räume. Gleichzeitig steigt der Bedarf an Wohnraum für unterschiedlichste Lebenskonzepte.Sowohl die Häufigkeit als auch die vorrangig günstigen Lagen dieser Typologie bieten Potentiale für städtebauliche Eingriffe und gesellschaftliche Wertschöpfung. So pragmatisch die Argumentation für den Erhalt der vorhandenen Bausubstanz geführt werden kann, so groß scheint die Notwendigkeit nach Lösungsstrategien die aus der Architekturkultur heraus gedacht werden. 

Im Sommersemester beleuchteten wir das Schattendasein dieser Bürohaustypologie aus der späten Nachkriegsmoderne. Vor dem Hintergrund einer behutsamen architektonischen Umbau- und Umnutzungstrategie zur Entwicklung solcher Gebäudetypologien arbeiteten die Studierenden die architektonischen Qualitäten und Potentiale dieser noch ungeliebten Architektur heraus. Im folgenden Wintersemester untersuchten wir die Frage, wie durch Konservierung, Rückbau und Addition eine neue Architekturkultur entstehen kann um daraus konkrete Entwurfsstrategien zur Umnutzung zu entwickeln, die die gesellschaftlichen Funktionen einer Innenstadt stärkt. 

Das Studio verband historische Recherche und kritische Einordnung mit zeichnerischer, analytischer und fotografischer Untersuchung um im weiteren Vorgehen entwerferische Strategien für den Erhalt zu entwickeln. Die Ergebnisse wurden als Zeichnungskatalog, piktogrammatische Analyse, dreidimensionale Detailstudien und schriftliche Erläuterung der jeweiligen Entwurfssystematik ausgearbeitet. So verband das Seminar städtebauliche, sozialräumliche und architekturtheoretische Überlegungen mit konkreter gestalterischer Forschung am baulichen Bestand.

zuletzt bearbeitet am: 22.09.2026