Fakultät für Architektur und Bauingenieurwesen

Hinterhofkonglomerate - Verborgene Stadträume

Hinterhofkonglomerate - Verborgene Stadträume

Hinterhöfe gehören zu den unscheinbaren Räumen der Stadt. Sie liegen hinter den Fassaden, oft nur durch Toreinfahrten, Durchgänge oder schmale Baulücken sichtbar, und entziehen sich damit dem repräsentativen Bild des Stadtraums. Zugleich sind sie verdichtete Archive urbaner Geschichte: Orte des Wohnens und Arbeitens, des Lagerns, Reparierens und Entsorgens, der Aneignung und Nachbarschaft. Als überwiegend versiegelte Zwischenräume sind sie aber auch Teil einer drängenden ökologischen Frage: Wie kann die dichte Stadt mit Hitze, Starkregen und dem Verlust unversiegelter Böden umgehen?

Das Seminar nahm Wuppertaler Hinterhöfe entlang der Talachse zwischen Elberfeld und Barmen in den Blick. Die Studierenden suchten einen privaten oder halbprivaten Hof innerhalb einer Blockrandbebauung auf und erschlossen ihn fotografisch, zeichnerisch und modellhaft. Ausgangspunkt waren dabei drei miteinander verflochtene Ebenen: der Hof als klimatischer Mikrokosmos und möglicher Freiraum, als funktionaler Arbeits- und Versorgungsraum sowie als sozialer Raum zwischen Rückzug, gemeinschaftlicher Nutzung und alltäglicher Aneignung.

Im Zentrum stand die genaue Beobachtung. Fotografien erfassten räumliche Situationen ebenso wie Materialwechsel, Fassadendetails, Oberflächen und Gebrauchsspuren. Darauf aufbauend entstanden Lagepläne, perspektivische Illustrationen und präzise Vogelperspektiven, die Versiegelung, Entwässerung, Vegetation, bauliche Begrenzungen und Nutzungen sichtbar machten. Die Zeichnung diente dabei nicht allein der Dokumentation: Sie wurde zu einem Instrument, um verborgene Ordnungen, Konflikte und Potenziale der urbanen Rückseite zu lesen.

Im Rahmen der „Langen Tafel der Baukultur“ am Pina Bausch Zentrum führten die Studierenden ihre Untersuchungen in einer gemeinsamen Zeichnung zusammen. Dafür zeichneten sie die Wuppertaler Talachse zwischen Elberfeld und Barmen von Hand auf ein langes Tischtuch und trugen ihre untersuchten Resträume und Hinterhöfe darin ein. Während der Veranstaltung wurde die Zeichnung weitergeführt: Besucher:innen und Passant:innen waren eingeladen, eigene Erfahrungen, Beobachtungen und Erinnerungen entlang der Talachse zu ergänzen. So entstand aus den einzelnen Untersuchungen ein gemeinsames und stetig wachsendes Bild der Stadt.

Abschließend übersetzten die Studierenden ihren Hof in ein Gipsmodell im Maßstab 1:200. Durch die abstrakte Positivform wurden Fragen der räumlichen Begrenzung, der Wahrnehmung und der Bedeutung einzelner Elemente neu verhandelt: Was bildet einen Hof? Welche Mauern, Nebengebäude oder Spuren der Vegetation prägen ihn? Und welche Rolle spielt die versiegelte Fläche als gemeinsamer, aber meist unbeachteter Boden?

Das Seminar verband Methoden der Architekturgeschichte und -theorie mit einer forschenden Praxis vor Ort. Dabei wurde der Hinterhof nicht als bloßer Rest- oder Nebenraum verstanden, sondern als gesellschaftlich aufgeladener Schauplatz der Stadt: als Ort, an dem bauliche Verdichtung, Arbeitswelt, Nachbarschaft und die ökologischen Folgen urbaner Entwicklung auf engem Raum aufeinandertreffen.

Tote Flächen blühen auf – Biodiversität als Entwurfsaufgabe

Tote Flächen blühen neu auf – Biodiversität als Entwurfsaufgabe

Sommersemester 2025

Biodiversität ist längst keine ausschließlich naturwissenschaftliche Fragestellung mehr. Sie betrifft die Gestaltung unserer Städte, die Zukunft ihrer Freiräume und damit auch die Verantwortung von Architektur. Dennoch bleibt das Wissen um Böden, Vegetation und ökologische Wechselwirkungen im Architekturstudium häufig randständig – obwohl gerade die gebaute Umwelt darüber entscheidet, welche Lebensräume erhalten, beeinträchtigt oder neu geschaffen werden.

Das Seminar „Architektur und Gesellschaft“ nahm diesen blinden Fleck zum Ausgangspunkt und richtete den Blick auf den eigenen Campus. Bestehende Freiräume wurden untersucht und Möglichkeiten entwickelt, ihre ökologische Vielfalt und Aufenthaltsqualität durch konkrete Eingriffe zu verbessern. Fachlich begleitet wurde das Seminar von der Biologin Maike Schäfer, die in grundlegende Zusammenhänge der Biodiversität einführte: Artenvielfalt und Lebensräume, unterschiedliche Standortbedingungen sowie die Wechselwirkungen zwischen Boden, Vegetation und weiteren Organismen.

Ein Besuch des Permakulturhofs Wuppertal erweiterte diese Auseinandersetzung um ein konkretes Beispiel. Bei einer Führung über das Gelände erhielten die Studierenden Einblicke in einen Umgang mit Landschaft, der natürliche Kreisläufe, lokale Bedingungen und das Zusammenspiel unterschiedlicher Pflanzen und Lebewesen berücksichtigt.

Mit diesen Grundlagen wurde der Campushof genauer untersucht. Sand- und Kiesbeete, steinige und überwucherte Bereiche sowie versiegelte Flächen wurden auf ihre jeweiligen Bedingungen und ökologischen Potenziale hin betrachtet. Welche Pflanzen kommen mit trockenen und nährstoffarmen Standorten zurecht? Wo kann Wasser zurückgehalten werden? Welche vorhandenen Strukturen können weiterentwickelt werden? Und wie können auch kleine Flächen Lebens- und Nahrungsräume für unterschiedliche Arten bieten?

Aus der Untersuchung folgte der praktische Eingriff. In Kleingruppen übernahmen die Studierenden einzelne Flächen, entwickelten Pflanzkonzepte und setzten diese selbst um. Ehemalige Sand- und Kiesbeete und überwucherte Bereiche wurden freigelegt, neu geordnet und mit standortgerechten Pflanzen ergänzt. Flächen, die zuvor weitgehend unbelebt oder vernachlässigt waren, wurden so zu neuen Lebensräumen entwickelt. Statt einer dekorativen Begrünung ging es darum, Bedingungen für mehr biologische Vielfalt zu schaffen: durch unterschiedliche Pflanzenarten, Strukturen und Rückzugsräume und durch Pflanzengemeinschaften, die an die jeweiligen Standorte angepasst sind.

Damit blieb die Beschäftigung mit Biodiversität nicht abstrakt. Die Studierenden untersuchten, planten, pflanzten und veränderten den Campus mit den eigenen Händen. Aus bislang wenig beachteten Restflächen entstanden kleine, vielfältigere Lebensräume – und zugleich die Frage, wie ökologische Verantwortung Teil des architektonischen Entwerfens und Handelns werden kann. Neben den Eingriffen im Campushof entstand auch ein Konzept für eine Begrünung am Pina Bausch Zentrum.

zuletzt bearbeitet am: 22.09.2026